Psychische Gesundheit: Lehren aus 2020 – für 2021 und darüber hinaus

Die psychische Gesundheit ist weltweit einer der am stärksten vernachlässigten Gesundheitsbereiche. Das galt schon vor COVID-19 (Coronavirus), doch die Pandemie hat die Lage weiter verschlechtert.

Schätzungsweise über 160 Millionen Menschen sind aufgrund von Konflikten, Naturkatastrophen und anderen Notlagen auf humanitäre Hilfe angewiesen. In solchen Krisen kann sich die Häufigkeit psychischer Störungen verdoppeln. Schätzungsweise jede fünfte von Konflikten betroffene Person hat eine psychische Erkrankung.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die COVID-19-Pandemie in 93 % der Länder weltweit wichtige psychiatrische und psychologische Versorgungsangebote gestört oder teilweise ganz zum Erliegen gebracht, während die Nachfrage nach Unterstützung für die psychische Gesundheit steigt. Angesichts des chronischen Charakters dieser Erkrankungen bedeutet dies weltweit erhebliche wirtschaftliche Folgen. Die Länder geben weniger als 2 % ihres Gesundheitsbudgets für die psychische Gesundheit aus. Es wird erwartet, dass Depressionen in den nächsten zehn Jahren die Staaten stärker belasten werden als jede andere Krankheit.

Es gibt mehrere Gründe, warum die psychische Gesundheit vernachlässigt wurde. Der erste ist die damit verbundene Stigmatisierung. Der zweite ist die Wahrnehmung psychischer Störungen als «Luxusgut» statt als echte Krankheiten. Zu den weiteren Hauptgründen gehört ein fragmentiertes und veraltetes Versorgungsmodell. Dazu zählen etwa die Erbringung psychiatrischer Leistungen hauptsächlich in psychiatrischen Kliniken, ein gravierender Mangel an präventiven Angeboten, verzögerte politische Reformen sowie ein Mangel an Fachkräften.

Die psychische Gesundheit ist weltweit einer der am stärksten vernachlässigten Gesundheitsbereiche.  Das galt schon vor COVID-19 (Coronavirus), doch die Pandemie hat die Lage der psychischen Gesundheit weiter verschlechtert.


Psychische Gesundheit in Zahlen
Die Zahlen sind erschütternd. Heute leben fast 1 Milliarde Menschen mit einer psychischen Störung, und in Ländern mit niedrigem Einkommen erhalten mehr als 75 % der Betroffenen keine Behandlung. Jedes Jahr sterben fast 3 Millionen Menschen an den Folgen von Substanzmissbrauch.  Alle 40 Sekunden nimmt sich ein Mensch das Leben. Rund 50 % der psychischen Störungen beginnen vor dem 14. Lebensjahr.

Ein Blick nach vorn: Investitionen in die psychische Gesundheit sind wirtschaftlich sinnvoll. Zum Beginn des Jahres 2021 möchte ich einige Lehren festhalten:

Die COVID-19-Pandemie hat die Schwachstellen der Gesundheitssysteme weltweit offengelegt. Damit Gesundheitssysteme nachhaltig sein können, ist eine starke Grundversorgung unerlässlich. Die Grundversorgung kann nur dann als stark gelten, wenn sie beide Komponenten der Gesundheit abdeckt: die körperliche und die psychische. Deshalb müssen Angebote für die psychische Gesundheit in die Gesundheitssysteme integriert und nicht isoliert erbracht werden. Sie gehören in den Grundleistungskatalog der Gesundheitsversorgung.
Laut der WHO bringt jeder in die psychische Gesundheit investierte Dollar eine Rendite von 4 Dollar.


Investitionen in die psychische Gesundheit erfordern einen sektorübergreifenden und integrierten Ansatz. Nötig ist ein «gesamtgesellschaftlicher Ansatz» unter Einbezug der Gemeinden, zusammen mit Grundversorgung, öffentlicher Gesundheit, sozialer Sicherheit, Arbeit und Bildung.
Regierungen müssen Mittel aus der Entwicklungshilfe und den nationalen Gesundheitsbudgets bereitstellen, um gemeindenahe Programme für die psychische Gesundheit umzusetzen und die Behandlung psychischer Störungen insgesamt zu stärken. In  Peru nutzte die Regierung ein ergebnisbasiertes Finanzierungsmodell als neuen Weg, um Angebote für die psychische Gesundheit über gemeindenahe Zentren für psychische Gesundheit (CBMH) zu unterstützen. Indem der Ansatz gesetzlich verankert wurde, stellte Peru sicher, dass die Mittel nicht für andere Zwecke verwendet werden konnten. Dadurch stiegen die Investitionen in die psychische Gesundheit um 400 % (von 25 auf 104 Millionen US-Dollar). Die Zahl der CBMHCs stieg bis Ende 2019 von 22 auf 154 Zentren, weitere 60 sind geplant.  


Die psychosozialen Bedürfnisse verletzlicher Gruppen, darunter Vertriebener, zu priorisieren, ist für die Investitionen eines Landes in Gesundheit und Humankapital entscheidend.

Nachhaltige Programme für die psychische Gesundheit erfordern Zusammenarbeit und Verantwortlichkeit über mehrere Regierungsbereiche hinweg. Alle Führungspersonen müssen sich klar zu diesem Thema äussern.  Diese Unterstützung für die psychische Gesundheit sollte politisch, finanziell und sektorübergreifend sein. Die Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030 erreichen: Ein rascher und breiter Ausbau der Behandlung psychischer Erkrankungen ist entscheidend, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zu erreichen – ein gesundes Leben und Wohlergehen für alle Menschen jeden Alters bis 2030. Gelingt dies nicht, könnte das verheerende sozioökonomische Folgen haben. Investitionen in die Gesundheit zahlen sich innerhalb und ausserhalb des Gesundheitssektors aus.

Wir erleben, wie sich die Krise der psychischen Gesundheit parallel zur Pandemie entfaltet. Die Daten zeigen, welche Folgen der Welt drohen, wenn die psychische Gesundheit in den Hintergrund rückt. Es bleibt eine einfache Schlussfolgerung: Es gibt keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit!

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